Manifesta 16 Ruhr
Pınar Öğrenci, A Labor Dictionary (Arbeitsgedächtnis), 2026
© die Künstlerin, Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann
Bochum, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen
21.06. bis 04.10.2026
Die wandernde europäische Biennale Manifesta findet dieses Jahr in vier Städten im Ruhrgebiet in erster Linie in modernistischen Kirchen statt. This is not a Church ist die „Leitidee“, die auf die Frage der zeitgenössischen Nutzung von vorwiegend säkularisierten Kirchen verweist. Wie schon bei der letzten Ausgabe in Barcelona ist es der Manifesta 16 Ruhr ein großes Anliegen mit den lokalen Communities in Verbindung zu treten, diesen nachhaltige Anstöße für die Zukunft zu geben und die Nachbarschaftszentren in den Kirchen zu stärken. Das Ruhrgebiet befindet sich seit Jahrzehnten in Transformation, Kohlegruben sperren zu, die Metallindustrie ist in der Krise, während Kulturproduktion und Kreativindustrie eine immer größere Rolle spielen. Die Arbeiterkultur, auch diejenige der migrantischen Arbeiter:innen, ändert sich ebenso grundlegend wie die Produktion.
Einige Beiträge der insgesamt sieben Kuratoren und einer Kuratorin (hier creative mediators genannt) sind den für den Aufschwung des Ruhrgebiets seit den 1950-er Jahren maßgeblichen sogenannten Gastarbeiter:innen, ihrer Arbeit, ihrem Alltag und ihrer kulturellen Produktion gewidmet.
Dieser Text wirft Blitzlichter auf Arbeiten von vier ausgewählten Stationen, die sich stark mit der lokalen Arbeiter:innenkultur und der künstlerischen Produktion migrantischer Künstler:innen auseinandersetzen, jene die mich am meisten beeindruckten und die mir einen neuen Kosmos eröffneten.
Asimina Paradissa, Untitled, 1965-1975
© die Künstlerin, Foto © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Gürsoy Doğtas, Kunsthistoriker und Kurator, dessen Eltern als „Gastarbeiter:innen“ nach Deutschland kamen, kuratierte eine Trilogie in drei Kirchen in Gelsenkirchen, die sich der Kultur und Kunst migrantischer Arbeiter:innen und Künstler:innen widmet. Dabei wird zwischen ausgebildeten Kunstschaffenden und solchen, die eine akademische Ausbildung haben, nicht unterschieden. Beeindruckend ist sein umfassendes Wissen, aus dem seine Ausstellungen schöpfen. Jede dieser Stationen ist einer anderen Person gewidmet. Hava Güleç Wohnzimmer befindet sich in der Thomaskirche in Gelsenkirchen. Hava Güleç spielte neben ihrer Akkordarbeit im Metallwerk Gebr. Seppelfricke eine wichtige Rolle im gemeinschaftlichen Zusammenhalt der Community. Die Frauen, die als „Gastarbeiterinnen“ seit den späten 1950-er Jahren nach Deutschland gekommen waren, waren gefragte Arbeiterinnen und zugleich zentral für das soziale Miteinander, sie waren oft neben ihrer Arbeit in den Firmen zugleich Textilhandwerkerinnen, da sie Techniken und Fertigkeiten aus ihren Heimatländern mitgebracht hatten, sie waren aber auch Künstlerinnen. Die Textilien, seien es gewebte Stoffe oder Häkelarbeiten werden als Werke präsentiert, manchmal stellen sie in der Thomaskirche auch die Unterlage für andere Arbeiten, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien dar. Eine Position, die sich an mehreren Stationen findet, ist die in Griechenland geborene Asimina Paradissa, die seit Beginn ihrer Zeit in Deutschland ihren Alltag fotografisch festgehalten hat, sie selbst immer mit im Bild, im Wohnheim, bei der Arbeit, beim Tanz auf Festen. Der Kurator zeigt eine Auswahl dieser Fotos aus den Fotoalben der Künstlerin, die von der eigenen Kultur der migrantischen Gesellschaft ebenso Zeugnis ablegen wie von dem künstlerischen Wollen Paradissas – ein Langzeitprojekt über viele Jahrzehnte.
Dennis Siering, Antifascist Bird Communication System V02.1, 2026
© der Künstler, Foto © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Vor der Thomaskirche wird man von der Arbeit Antifascist Bird Communication System VO2.1, 2026, von Dennis Siering begrüßt und verabschiedet, eine Klanginstallation aus Vogelhäusern und Lautsprechern, aus denen synthetischer Vogelgesang tönt: Die Vögel pfeifen Protestlieder (bei meinem Besuch hörte sich das eher nach Parolen bei Demonstrationen an), die sich mit der der lokalen Vogelpopulation vermischen sollen, eine Metapher für die reziproke Inspiration verschiedener Kulturen.
Judith Hopf, LESS (starting), 2026
© die Künsterlin, Foto © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Eine weitere Station ist St. Bonifatius mit Ferdane Satir Teegarten. Ferdane Satir kam bei einem rassistischen Brandanschlag in Duisburg 1984 ums Leben. Die Station nimmt Bezug auf die ersten Gärten der migrantischen Arbeiter:innen, die den Communities nach den beengten Lebensbedingungen in Wohnheimen ein Stück Freiheit und Selbstbestimmung zurückgaben. Im Vorfeld der Kirche wächst der Kräutergarten von Begzada Alatović mit dem Bureau Baubotanik in Hochbeeten, dort kann man sich bedienen und auch an Workshops teilnehmen. Im Inneren wird man von einer großen Schnecke aus Lochziegeln begrüßt, die sich an das Weihwasserbecken heranschleicht: LESS (starting), 2026, von Judith Hopf, eine Schnecke im Garten, eine heitere und doch nachdenklich stimmende Geste, die auf Ökologie, Vielfalt und Schädlinge in der Landwirtschaft verweist, eine Arbeit, die gleichsam Langsamkeit einfordert.(1)
Diese Ausstellung in St. Bonifatius präsentiert Malerei, Fotografie, Skulptur in einer verdichteten Form, in der die Exponate miteinander Beziehung aufnehmen, ein beeindruckendes Zeugnis des künstlerischen Ausdrucks migrantischer Personen in den 1970-er und 80-er Jahren. So findet man hier neben vielen anderen von Nil Yalter, der in Paris lebenden feministischen Künstlerin, La sexisme dans la cuisine turque ou la volupté culinaire d’un empire (Le Prêtre S’est Évanoui & Les cuisses de la Femelle), 1978. Dabei geht es um sexistische Zuschreibungen in der türkischen Küche. So heißen die Fleischbällchen ins Deutsche übersetzt Die Schenkel der Dame und die gefüllten Melanzani Der Imam ist in Ohnmacht gefallen. Beide Rezepte werden anhand von Fotografien und Text genau dokumentiert, anonyme Frauenhände, die die Speisen zubereiten inklusive.
Yıldırım Denizli, Odalarimizin Aydinliği - Helligkeit Unser Zimmer (The Brightness of Our Rooms), 1984
© der Künstler, Foto © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Yıldırım Denizli, ein Künstler, der uns schon in der Thomaskirche mit einem Relief mit zwei hochgestreckten Armen begegnet war, präsentiert hier mit Helligkeit Unser Zimmer, 1984, in einem Gemälde einen frontal stehenden Mann mit schwarzem Haar und Schnurbart, weißem Hemd und blauem Anzug in einem engen Raum mit braunem Holzboden und brauner ornamental gestalteter Wand, die sich perfekt in den Umraum der gekachelten Kirche einfügt. Ein Paar Stiefletten stehen am Boden, an der Wand hängen Erinnerungsfotos, ein Blasinstrument und vielleicht ein eingedelltes Tamburin. Die sehr intensive Stimmung, die das Bild auszeichnet, ist nicht konkret zu fassen, sieht man Einsamkeit und/oder Selbstbewusstsein? Berichtet das Bild von einem Mann, der seine Wurzeln nicht verleugnet, der in der neuen Heimat – wenn auch unter beengten Bedingungen – angekommen und doch allein ist?
Mesut-Sabuha Salaam, Gayhane – Die Nacht als Zuhause / Gayhane (The Night as Home), 2026 © die Künstler:in, Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann
St. Anna – Hatay Engin Musikhalle, eine umgewandelte Kirche, die dem türkischstämmigen Sänger Hatay Engin gewidmet ist, einem queeren Musiker und Entertainer, der in der Westberliner Szene der 1980-er und 1990-er Jahre eine herausragende Rolle spielte, ist der dritte von Doğtas kuratierte Teil. Viele der Werke hier beziehen sich auf unterschiedliche Weise auf die queere migrantische Kultur in Deutschland oder auf andere Phänomene der Musikkultur. In einem Nebenraum der Kirche findet sich eine Installation von Mesut-Sabuha Salaam aus den Archivalien zur Partyreihe Gayhane in Berlin. Salaam, in Bochum geboren, war Performer:in, Aktivist:in, Friseur:in und in den späten 1990-er Jahren eine wichtige Figur in der queeren migranitschen muslimischen Szene Berlins. Die Gayhane entstand als Afterparty und wurde ab 1998 zu einer eigenständigen monatlichen Reihe im SO36 in Kreuzberg. „Die Nacht wird zu einem vorübergehenden Zuhause“, sagte Salaam. „Ein Ort, an dem andere Regeln gelten. An dem Schutz, Sichtbarkeit und Gemeinschaft entstehen können.“(2)
Cihangir Gümüştürkmen, MÜRENKA, 2022
© der Künstler, Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann
Ebenfalls mit Gayhane verbunden und Teil der queeren Szene Berlins ist Cihangir Gümüştürkmen, der schon als Kind den türkischen Superstar Zeki Müren (1931-1996) verehrte. Die Arbeit Mürenka, 2022, ein silberner Stiefel auf einer enorm hohen Plateausohle, steht für die Erinnerung und ist eine Hommage an diesen queeren türkischen Superstars, dessen Queerness in der Türkei verschwiegen und nur aufgrund seiner Berühmtheit trotz Verbots toleriert wurde.
Jannis Psychopedis, Rotes Radio, 1966
© der Künstler, Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann
Einen ganz anderen Zugang zum Thema zeigt ein kleines Ölbild Rotes Radio, 1966, von Jannis Psychopedis, ein rotes Taschenradio vor blauem Grund, das den Eindruck macht, als gäbe es keinen Ton von sich. Zeichen der gestörten Kommunikation und unterdrückten Öffentlichkeit im Griechenland der 1960-er Jahre, als der Künstler dort lebte? Psychopetis, der als politischer Künstler als Gründungsmitglied des Neuen griechischen Realismus gilt, verbrachte die 1970-er und 1980-er Jahre in Deutschland.(3)
In St. Anna in Bochum, kuratiert von Ada Rottenberg & Krzystof Kościuczuk, widmen sich einige Arbeiten den lokalen Beschäftigten von Bergbau und Industrie. Vorbei an den Reliefs von Pedro Cabrita Reis an der Fassade steht man im Kirchenraum dem acht Meter langen Gemälde Migrating Waves (working title) von Kateryna Lysovenko, 2026, gegenüber. An der Rückseite des Gemäldes wird der Film Glück auf in Deutschland, 2024, der in Berlin lebenden Künstlerin Pınar Öğrenci projiziert, ein Schwarzweißfilm bestehend aus historischen Materialien, Fotos, Filmen etc. aus dem Ruhrgebiet. Ihr zweiter Film Monuments from the miners, 2026 erscheint genau gegenüber, direkt auf der Rosette im Altarraum. Dieser vereint Video, Fotografie und dokumentarische Materialien, die bei dem Forschungsprozess für Glück auf in Deutschland entstanden sind. Hier überlagern sich Zeichen und Symbole der katholischen Kirche mit denen des Bergbaus, eindrückliche Bilder einer sehr stolzen Arbeiterkultur, die nun so gut wie verschwunden ist.(4)
Pınar Öğrenci, Glück auf in Deutschland, 2024
© die Künstlerin, Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann
Besucht man die Manifesta 16 Ruhr fährt man durch eine Industrieregion im Umbruch, mal sieht man heruntergekommene Arbeitersiedlungen, mal nimmt man mitten in der Stadt eingezäunte Brachen wahr, dazwischen viel Grün, man blickt auf weite Industrieareale mit eigenem Charme, oder man entdeckt auf dem Dach eines Hochhauses mitten in einer älteren Arbeitersiedlung eine riesige Figur von Markus Lüpertz, den Herkules von Gelsenkirchen. Man begegnet Tristesse und Armut, aber genauso Aufbruch, großartige Kulturstätten, wunderschöne Museen und eine kleinteilige migrantische Alltagskultur mit Gastronomie, Handel etc.
Das Faszinierende dieser Manifesta ist, dass die verschiedenen Ausstellungen viele Zugänge zur enormen Kreativität und Vielfalt der migrantischen (Arbeiter-)Kultur eröffnen. Durch die seit den 1960-er Jahren entstandene künstlerische Produktion erfährt man die unterschiedlichen künstlerischen Positionen von Künstler:innen, die manchmal eine professionelle Ausbildung haben und manchmal nicht. Die Exponate berichten über den Alltag, die Sehnsüchte, die Befindlichkeiten der involvierten Menschen. Sie legen Zeugnis von einem großen kreativen Potential, von dem man, wenn man von „Gastarbeiterkultur“ spricht, meist keine Ahnung hat. Es gibt viele sehr gelungene, aber auch weniger gelungene Stationen, man findet auch Beispiele, wo man geneigt ist zu glauben, dass einfach Galerieware abgestellt und aufgehängt wurde, die mit dem Thema der Ausstellung wenig zu tun hat.
Die Frage der Nachhaltigkeit, der Spuren, die die Manifesta langfristig im Ruhrgebiet hinterlässt, kann man augenblicklich wohl noch nicht abschätzen, sicher ist jedenfalls, dass diejenigen Kunstschaffenden, die noch wenig bis gar nicht bekannt sind, mit der Manifesta ein größeres Publikum gefunden haben.
(1) Vgl. https://manifesta16.org/de/participants/judith-hopf
(2) Vgl. https://manifesta16.org/de/participants/mesut-sabuha-salaam
(3) Vgl. https://manifesta16.org/de/participants/jannis-psychopedis, https://de.wikipedia.org/wiki/Jannis_Psychopedis