Ernst Caramelle. Denkfiguren

Ausstellungsansicht Ernst Caramelle. Denkfiguren, Museum der Moderne Salzburg 2026
© Sammlung Generali Foundation - Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg, Foto: Andrew Phelps

Sammlung Generali Foundation im Museum der Moderne Salzburg

03.07.2026 bis 30.05.2027

Anlässlich der ersten zusammenfassenden Ausstellung über Videokunst mit dem Titel Video-Skulptur. Retrospektiv und aktuell (1963-1989), die in Köln, Berlin und Zürich 1989 stattfand, ging der Medientheoretiker John G. Hanhardt in seinem Katalogbeitrag davon aus, dass Video in seiner Funktion als kultureller Diskurs auf zwei Dingen aufbaut: auf der Opposition zur beherrschenden Rolle des kommerziellen Fernsehens sowie auf den intertextuellen Kunstpraktiken der späten 1950er und frühen 1960er Jahre.(1) Unter den zahlreichen Künstler:innen von Ausstellungen und Katalogbuch ist auch Ernst Caramelle zu finden, von dem sechs Werke erwähnt und beschrieben sind, darunter auch die Arbeit Video-Landschaften von 1974, die nun im Studienzentrum der Sammlung Generali Foundation im Rupertinum zum „gedanklichen Resonanzraum“ (Pressetext) der Ausstellung wird. Die kleine, sehr feine Präsentation (Kurator: Jürgen Tabor) ist auf einen Raum „beschränkt“, besteht aus Postern, Katalogen und Ephemera des Künstlers und stellt unter dem Titel Denkfiguren das „labile Verhältnis von Realität und Illusion, von Bild und Raum“ (Pressetext) zur Diskussion, das Caramelle in seiner Arbeit thematisiert.

Im erwähnten Katalogbuch wird Caramelle einer zweiten Pioniergeneration von Künstler:innen zugeordnet, die Videotechnik einsetzte. Betont wird das Humorvolle, das für die genannten Videoarbeiten neben Originalität und minimalen Mitteln als charakteristisch herausgestellt wird.(2) 1974 war Caramelle noch Student und absolvierte ein Studienjahr in den USA am Center for Advanced Visual Studies des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, insofern seine Videoarbeiten auch den Beginn seiner künstlerischen Laufbahn markieren. Diese frühen Jahre werden in der Ausstellung im Rupertinum auch noch mit anderen Materialien belegt, wie etwa dem Programm zum Conzert für Klavier und Gespräch, das 1974 in Groß-Gerau stattfand sowie Künstlerbüchern, die zumeist aus knapp gehaltenen Bild-Text-Kombinationen bestehen und vermutlich oft in Eigenregie kostengünstig hergestellt wurden.

Ernst Caramelle, aus der Serie Video-Landschaften, 1974, Ausstellungsansicht Ernst Caramelle. Denkfiguren, Museum der Moderne Salzburg 2026
© Sammlung Generali Foundation - Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg, Foto: Andrew Phelps

Video-Landschaften wird in der Ausstellung als Fotoarbeit gezeigt: Es sind elf gerahmte Aufnahmen, in denen jeweils ein Monitor zu sehen ist, der ausgehöhlt und durchsichtig wie ein Fenster ist und daher jene Stellen des dahinterliegenden Raumes im Monitor „abbildet“, die ansonsten durch das Gerät bzw. das Videobild verdeckt wären. Bildmotiv, um nicht zu sagen Hintergrund, kann ein Vorhang, ein Stück Wand oder eine Person sei, nämlich der Künstler selbst, der uns die Arbeit und deren Präsentation wie folgt beschreibt: „Da durch den Monitor Realität verdeckt wird, versuche ich dieses unterbrochene Seherlebnis wieder sichtbar zu machen, bzw. zu ergänzen. Hier wird die Videotechnik nicht zur Wiedergabe einer Handlung (Aktion) benutzt, sondern um reine Standbilder zu erzeugen. Ergänzungen oder Verfremdungen unterbrochener Realität. Da dieses Projekt die reale Umwelt des Monitors braucht, ist eine Ausstellung nur mit Hilfe von Foto-Dokumenten oder nochmaliger Video-Aufzeichnung möglich." (Ernst Caramelle)(3)

Video war 1974 etwas mehr als zehn Jahre alt und hatte sich sowohl objekthaft mit Installationen als auch technisch in viele Richtungen entwickelt. Pioniere wie Nam June Paik wagten sich einerseits ins große Format, andererseits etwas wenig Ernsthaftes, wenn Paik etwa Mitte der 1970er Jahre mit Sonatine for Goldfish den Monitor als leeren Rahmen verstand, in dem ein Goldfisch in einer Glasvase schwamm. Mit Ironie und Irritation war man auch mit dem neuen Medium in der Postmoderne angekommen, die keine letztschlüssige Interpretation suchte. Die Jahre, in denen das Aufbrechen alter Strukturen in einem neuen Medium die zentrale Rolle spielte, waren vorbei. Auch für Caramelle ging es wohl weniger um Technologie, Wissen und Erfahrung als vielmehr um Konstellationen von verschiedenen Bildern und Situationen. So zeigt sein Video-Ping-Pong das Spielerische, das bereits Alighiero Boetti und Valie Export in gleichnamigen Arbeiten ausgelotet hatten, letztere 1968 mit Ping Pong, einem Film zum Spielen, einem „Spielfilm“, der auch als Edition erhältlich war. In Caramelles Werk, das in der Salzburger Ausstellung in mehreren Drucksorten vorkommt, steht an den beiden Enden einer realen Tischtennisplatte jeweils ein Regal mit je einem Monitor. Spieler und Match sind im Video so zu sehen, als würde die Aktion tatsächlich auf dem Tisch stattfinden. Findet ein reales Spiel statt, überlagern sich Illusion und Realität nicht unähnlich wie in den Video-Landschaften. In deren elf Fotografien verweisen Aufnahmegeräte oder eine Wandtafel auf ein Studio oder Atelier, andere zeigen Raumsituationen, eine Topfpflanze oder den Künstler selbst. Allesamt werden sie collageartig gleichzeitig Bildausschnitt und Hintergrund und konterkarieren das Medium Fernsehen oder Video mit seriell angeordneten Bildern, die auf den konzeptuell motivierten Bilddiskurs fotografischer Arbeiten verweisen. Wie Hanhardt festgestellt hat, sind es die Neoavantgarden, die für die Entwicklung der Videokunst wichtig waren bzw. dieser viel Material beisteuerten.

Ernst Caramelle, Video-Landschaften, 1974, Ausstellungsansicht Ernst Caramelle. Denkfiguren, Museum der Moderne Salzburg 2026
© Sammlung Generali Foundation - Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg, Foto: Andrew Phelps

Um 1960 sind im Wesentlichen zwei Stränge in Fluxus, Pop-Art, Nouveau Réalisme oder Konzeptkunst nachzuverfolgen: jener von Objekt/Edition/Store und jener von Performance/Instruktion/Partitur, die sich in der Folge allerdings auch überlagerten und für die nachfolgende Generation viele Anknüpfungspunkte boten. Für die Konzeptkunst waren Typologien und Serien wichtig, wie die prozessbasierten Arbeiten von Douglas Huebler, die seit den 1960er Jahren entstanden und als Duration Pieces oder Location Pieces Dokumentation, Abläufe, und Ordnungssysteme gegenüber Interpretation und Bedeutung in Stellung brachten. Diese konzeptuellen Text- und Fotoserien waren in ihrer Ästhetik oft lakonisch und beiläufig und entwickelten sich in den frühen 1970er Jahren in verschiedene Richtungen weiter, wenn etwa Jean Le Gac oder Peter Hutchinson die narrativen Möglichkeiten einer auf Sprache basierenden konzeptuellen Praxis neu entdeckten. Wie bei Caramelle ist das Reale nun nicht mehr messbar in Kategorien von Ort und Zeit, sondern mutiert zu Fotoessays, die nicht deskriptiv, allerdings durchaus instruktiv sein wollen. Oft ist auch ein tautologischer Ansatz einkalkuliert, wie die knapp gehaltenen Einladungskarten der 1970er und 1980 Jahre in der Ausstellung zeigen, die bisweilen daran erinnern, wie wichtig Gertrude Stein in dieser Zeit war. Caramelle bringt zusätzlich, wie etwa Barry Le Va, körperliche und physische Erfahrung ein, wie er sich denn auch in beiden erwähnten Videoarbeiten als Autor und Protagonist in den Medien-Foto-Diskurs einschreibt.

Zwischen diesen beiden Diskursen muss er sich nicht entscheiden und kann Beider Potential nützen. Die virtuelle Realität schaltet er gleichzeitig ein und aus, ebenso wie er Raum und Bild ironisch gegeneinander ausspielt und doch wieder zusammensetzt. Der „Resonanzraum“ ist tatsächlich vielschichtig und profitiert vom Offenen und Labilen, das er doch zu bekämpfen sucht.

(1) John G. Hanhardt, „Décollage/Collage: Anmerkungen zu einer Neuuntersuchung der Ursprünge der Videokunst“, in: Wulf Herzogenrath und Edith Decker (Hg.), Video-Skulptur. Retrospektiv und aktuell (1963-1989), Köln 1989, S. 13.

(2) Vgl. den Beitrag „Ernst Caramelle“, in: Herzogenrath und Decker (Hg.), op. cit., S. 100 f.

(3) Zitiert nach dem Werktext der Generali Foundation:

https://foundation.generali.at/de/sammlung/kunstwerke/wg0030273000-2000-aus-der-serie-video-landschaften

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