Nonument Group, Soundtrack for an Invisible House
Nonument Group, Field marking the Mosque in Log pod Mangartom, während der Vorbereitung zu Soundtrack for an Invisible House, 61. Biennale di Venezia 2026
Foto: Neja Tomšič
La Biennale di Venezia, Pavillon der Republik Slowenien
09.05. bis 22.11.2026
Der Slowenische Pavillon auf der 61. Biennale di Venezia (1) nimmt eine hölzerne Moschee am Fuß der Julischen Alpen, 1917 erbaut und nicht lange nach dem Ersten Weltkrieg wieder zerstört, zum Ausgangspunkt für eine künstlerische Arbeit, eine Installation mit Soundtrack, eine offene, poetische und abstrakte Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart dieses Ortes.
In Minor Keys, kuratiert von Kuouh Koyo, nennt sich die internationale Ausstellung der 61. Biennale di Venezia 2026. Hat man im Arsenale den langen Gang der Corderie mit einem Teil dieser Schau durchschritten und biegt um die Ecke, gelangt man zu einigen nationalen Pavillons. Gegenüber dem Libanesischen findet sich eine dunkle Ruinenlandschaft mit Soundtrack und fast dramatischem Lichtdesign: der Slowenische Pavillon von Nonument Group (Neja Tomšič, Martin Bricelj Baraga, Nika Grabar, Miloš Kosec), kuratiert von Nataša Petrešin-Bachelez.
Die Künstlergruppe Nonument Group bestehend aus zwei bildenden Künstler:innen und zwei Architekt:innen/Theoretiker:innen beschäftigt sich mit Gebäuden und öffentlichen Räumen, deren Bedeutung sich im Laufe der Geschichte aufgrund gesellschaftlicher und politischer Veränderungen stark gewandelt hat. Ihre Arbeit ist immer Recherche basiert. In diesem Fall gab es eine enge Zusammenarbeit mit Anja Zalta von der Universität Ljubljana, einer Expertin für den Islam in Slowenien und am Balkan.
Nonument Group, Soundtrack for an Invisible House, Ausstellungsansicht Slowenischer Pavillon, 61. Biennale di Venezia 2026
Foto: Asiana Jurca, moderna galerija Ljubljana
Die Installation, im starken Gegensatz zu der bunten oft lauten Ausstellung, die man bis hierher wahrgenommen hat, wirkt wie ein Ruhepunkt, und auch die Geschichte, die der Pavillon erzählt, erschließt sich erst langsam.
Der Pavillon widmet sich, wie erwähnt, einer verschwundenen hölzernen weißen Moschee am Fuße der Julischen Alpen im heutigen Slowenien, die im Jahr 1917 während des Ersten Weltkriegs in Log pod Mangartom, einem Garnisonstützpunkt der Truppen der k. u. k. Monarchie für die muslimischen Soldaten, die in den Isonzo/Soča-Schlachten auf ihrer Seite kämpften, erbaut wurde. Sie war völlig in Vergessenheit geraten, bis ein Foto der Moschee vor der imposanten Bergkulisse im Zuge der Recherche für die Ausstellung über die Soča-Front im Kobarid Museum, der das Museum gewidmet ist, 1990 auftauchte. Kobarid war der Schauplatz der letzten und zwölften Soča-Schlacht, der zum Rückzug der italienischen Arme führte.(2) Das heißt, dass diese Moschee wohl nur sehr kurz benützt wurde. 2022 und 2024 folgten Ausgrabungen, die die steinernen Fundamente der Moschee freilegten, 2025 schließlich wurde die Log pod Mangartom-Moschee zum unbeweglichen kulturellen Erbe der Republik Slowenien ernannt. Heute befindet sich an dieser Stelle eine Wiese, die die Geschichte dieses Ortes nicht erahnen lässt. Die Geräusche von dem heutigen Schauplatz wurden nun in die Soundinstallation in der Ausstellung inkludiert.
Überlagerung einer Archivfotografie, die den Bau der Moschee in Log pod Mangartom (1917) dokumentiert, mit einem digitalen Geländemodell, das aus luftgestützten LIDAR-Daten (ALS) abgeleitet wurde.
Archivfotografie Courtesy: Uroš Košir
Einige Schutthaufen, Überreste der Architekturbiennale im Jahr davor, markieren den Raum, ein Rechteck, in der Mitte mit niedrigen Steinen umgeben und mit Holzplatten belegt, lädt zum Sitzen ein. So kann man in Ruhe die englische Übersetzung des gesungenen slowenischen, ungarischen, bosnischen und italienischen Textes (3) als Videoprojektion lesen. Das Libretto des Soundtracks in Form eines Gedichts, Come (Komm) übertitelt, ist von Neja Tomšič, Komponist und Sound Designer ist Gašper Torkar: Der Wind bläst, manchmal hört man Vogelstimmen, Rufe von Hirten, eine weibliche und eine männliche Stimme singen den Text, ein Orchester und ein Chor kommen hinzu, es entsteht eine meditative Stimmung, die von einer großen Intensität getragen ist. Der Pavillon ist wie eine szenische Inszenierung in einem durch Licht, Sound und Schutthaufen abgegrenzten Bereich des Ausstellungsganges, in die sich die Besucher:innen hineinbegeben, verweilen und sich vom meditativen Klangkörper umgeben. Zwei gegenüberliegende spiegelnde Oberflächen an den Schmalseiten erweitern den Raum.
Nonument Group, Recording silence, Vorbereitung für Soundtrack for an Invisible House, 61. Biennale di Venezia 2026
Foto: Neja Tomšič
Die Installation zeigt keine Fotos oder Abbildungen, weder der Moschee selbst noch vom Ort heute, diese finden sich auf der Homepage und im Katalog.(4) Unvorbereitete Besucher:innen müssen sich die hölzerne Moschee, von der der Saaltext berichtet, zunächst vorstellen und ihren eigenen Zugang zur Ausstellung und zur Geschichte, die erzählt wird, selbst finden. Die Ausstellung bildet also einen Resonanzraum für die historische Moschee am Alpenrand während des Ersten Weltkrieges, für deren Wiederentdeckung und den heutigen Umgang damit als kulturelles Erbe. Ich denke, die große Qualität des Slowenischen Pavillons ist, dass die Ausstellung einen Raum für Imagination vor dem Hintergrund ganz konkreter historischer Fakten bietet, die diese und weitere Assoziationsketten in die Gegenwart anstoßen. Je nach kulturellem Hintergrund der betrachtenden Person wird die Arbeit sehr unterschiedlich rezipiert werden und verschiedene Reaktionen und Assoziation hervorrufen. Bemerkenswert ist, dass der Pavillon lange in Erinnerung bleibt, was mit der immersiven Qualität des Raumes, dem eindrücklichen Soundtrack und der für viele unbekannten Geschichte zusammenhängt. Die Moschee steht zwar für eine gewisse Toleranz, aber auch für die Kolonialisierung der bosniakischen und herzegowinischen Truppen durch die k. u. k. Armee, die alle verfügbaren Mittel dafür einsetzte, um ihre Soldaten für eine der blutigsten und grausamsten Schlachten des Ersten Weltkriegs bei der Stange zu halten. Ein schrecklicher Krieg, mit dem die Monarchie versuchte, das Imperium zu halten, ein Versuch der angesichts der starken nationalstaatlichen Bewegungen im Reich aussichtslos war.
Die Arbeit wirft die Frage nach der Instrumentalisierung der Religion durch die Monarchie Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg auf. Der muslimische Glaube wurde in der Monarchie 1912 offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt. Im Heer diente die freie Religionsausübung dazu, die Soldaten zu stabilisieren und ihnen einen spirituellen Anker in menschenunwürdigen Zeiten zu geben, der ihre Moral und ihren Kampfesgeist stärken sollte. Diese Arbeit der Nonument Group widmet sich nicht nur einer vergessenen Vergangenheit Sloweniens, sie schlägt auch einen Bogen zur Gegenwart, zum Umgang mit Erinnerung und dem muslimischen Erbe in Slowenien zum einen, zum anderen aber auch zu der Frage, welche Rolle Religion heute in den weltweiten Kriegen spielt.
Bosnien-Herzegowina wurde 1878 nach dem Berliner Kongress von der k.u.k. Monarchie besetzt und in der Folge verwaltet, 1908 wurde das Gebiet annektiert, woraus ein Konflikt entstand, der nicht unwesentlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beitrug. Ab den 1880er-Jahren entstanden bosnisch-herzegowinische Bataillone in der k. u. k. Armee, die unter anderem im Ersten Weltkrieg an der Isonzo/Soča-Front zum Einsatz kamen. Viele dieser Soldaten fielen im Zuge der Kämpfe und wurden vor Ort begraben. Die Moschee wurde während der Annexion dieses Gebiets durch Italien in den 1920-er Jahren zerstört und war die erste auf slowenischem Staatsgebiet, wobei die muslimische Minderheit in Slowenien wesentlich erst ab den 1950-er Jahren ins Land kam.
Nonument Group, Soundtrack for an Invisible House, Ausstellungsansicht Slowenischer Pavillon, 61. Biennale di Venezia 2026
Foto: Asiana Jurca, moderna galerija Ljubljana
Die Ausstellung befindet sich an einem historischen Ort, nämlich dem Arsenale, Schiffswerft und Zeughaus, ein in der Geschichte Venedigs bedeutender Produktionsort der Marine, die die Weltmacht Venedigs wesentlich mitbegründete und im 19. Jahrhundert 50 Jahre lang Stützpunkt der k. u. k. Kriegsmarine war.
Auf der diesjährigen Biennale werden unzählige globale Konfliktfelder Thema künstlerischer Auseinandersetzungen. Hier geht es um ein einziges, wie der Titel sagt, „unsichtbares“ Haus mit seinem Potential an Erzählkraft und Imagination: „Here / you can hear - / waterfalls / and / words. /Here you can hear someone say / a ruin can also be / hope.”(5)
(1) https://nonument.org/soundtrack-for-an-invisible-house/ Hier kann man auch einen längeren Ausschnitt aus dem Soundtrack hören und das Archivfoto der Moschee sowie Fotos von den Ausgrabungen und vom Ort heute sehen.
(2) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Isonzoschlachten
(3) Lotte Arndt, Standing on the Rubble. Nonument’s transtemporal Speculation in a ruined World, in: Ajda Bračicč, Neja Tomšič, Anja Zalta (Hg.) Soundtrack for an invisible house, Ljubljana, moderna galerija 2026, S.56.
(4) Vgl. Fußnote (1) und Ajda Bračicč, Neja Tomšič, Anja Zalta (Hg.) Soundtrack for an Invisible house, Ljubljana, moderna galerija 2026.
(5) Ausschnitt aus Neja Tomšič, Come, dem Libretto des Soundtracks, von Teresa Senatore von der Presseabteilung zur Verfügung gestellt.