Pliable Planes

Ausstellungsansicht Anni Albers. Constructing Textiles, Belvedere Wien 2026
Foto: Johannes Stoll / Belvedere Wien

Von Anni Albers zu Leonor Antunes

Die Konjunktur um die textile Moderne in Kunstmuseen hat Präsentationen mit sich gebracht, die biegsame, mobile und haptisch zu erfahrende Objekte wie Bilder behandeln, als müsste man sie der Autorität von gemalten Meisterwerken anpassen. Gewiss sind es oft, wie derzeit in der Ausstellung von Anni Albers im Belvedere, Bedingungen von Leihgeber:innen oder Restaurator:innen sowie konservatorische Vorgaben, die aufwendige Rahmung und Verglasung verlangen. Mitunter sind kategoriale Zuschreibungen auch nicht immer möglich. Sind bei Liubov Popova etwa Malerei und Stoffproduktion strikt getrennt und ohne Referenzen zueinander, halten sich, was ihren Status betrifft, Kunst und Textiles bei Robert und Sonia Delaunay stets die Waage. Ein diesbezüglich interessanter Fall ist das 1918 datierte Triptychon von Sophie Taeuber-Arp, das mit recht als eine der Inkunabeln der frühen abstrakten Moderne gilt. Entstanden war es als Paravent, wurde von der Künstlerin quasi einer redaktionellen, alles Kunstgewerbliche verwerfenden Überarbeitung unterzogen und mutierte, aufgerüstet für die Ansprüche des Kunst- und Ausstellungsbetriebs, vom Raumteiler zum Bild.(1)

Ausstellungsansicht Anni Albers. Constructing Textiles, Belvedere Wien 2026
Foto: Johannes Stoll / Belvedere Wien

In den Arbeiten von Anni Albers ist ab den 1940er Jahren der Bezug zur Kunst explizit in der Gruppe der Pictorial Weavings gegeben. Davor hatten sich die Werke aus ihrer ersten Schaffenszeit am Bauhaus in Titel und Formgebung der abstrakten Sprache der Malerei angenähert. Dennoch sucht sie neben dem Bildhaften und Ästhetischen weitere Parameter, wenn sie mit neuen Materialien experimentiert, neue Technologien erprobt und das Medium des Webens in seinen grundlegenden Eigenschaften untersucht. Als essenzielle Kriterien nennt sie in ihrem Text The Pliable Plane Flexibilität, Biegsamkeit und Beständigkeit bzw. Leistungsfähigkeit des Materials, schließlich waren ihre Arbeiten auch ein Beitrag zur Gestaltung von Wohn- oder anderen Innenäumen.(2) Am Endes des Textes empfiehlt sie, textile Elemente nicht erst nachträglich einem Raum hinzuzufügen, sondern sie im Gegenteil von Beginn an mitzudenken. Sie plädiert also, wie etwa in ihren Raumteilern praktisch umgesetzt, für eine Gemeinsamkeit mit Raum und Architektur, ein Ansatz, der für das Ausstellen ihrer Werke durchaus Relevanz hat.

Ausstellungsansicht Anni Albers. Constructing Textiles, Belvedere Wien 2026
Foto: Johannes Stoll / Belvedere Wien

Generell ist das Museum für Albers, die die Weberei in all ihren Facetten beforscht und analysiert hat, dann der richtige Ort, wenn das Diskursive über die Repräsentation gestellt wird, um mithilfe von Hängung und Displays die Rezeption in eine Richtung zu lenken, die den Objekten Raum gibt und sie lebendig hält. Die Ausstellung im Belvedere allerdings vermittelt eher die repräsentative und unbehauste Eintracht einer historisierten Moderne. Haben Josef und Anni Albers nicht auch diesbezüglich viel vorgegeben? Zweifelsohne handelt es sich um eine sehr verdienstvolle und umfassende Präsentation des Werkes der Künstlerin, das man in dieser Vielfalt in Wien noch nicht gesehen hat. Die Kuratorinnen, Brenda Danilowitz und Fabienne Eggelhöfer, haben sich vorgenommen, wie in der Einleitung im Katalog nachzulesen ist, Albers in neuem Licht darzustellen, was angesichts der Fülle an Literatur zur Künstlerin kaum nachprüfbar ist. Ist es ihnen also mit der betont musealen Präsentation gelungen? Eine großzügige Hängung, innerhalb der jedes Werk für sich steht, wird ergänzt durch möbelartige Einbauten in einzelnen Ausstellungsräumen, die zumeist Wand und Vitrine verbinden und Fotovergrößerungen, textile Elemente und Texte enthalten. Nach einem umfassenden Text von Albers Constructing Textiles benannt, will die Ausstellung wohl Einblicke in die Struktur von textilen Produktionsprozessen geben, was allerdings die gerahmten, im Bildmodus zu rezipierenden Arbeiten bisweilen erschweren. Wie nimmt man textile Exponate in Ausstellungen wahr? Ist es tatsächlich die klassische Betrachtersituation, wie sie Tafelbilder oder Gemälde vorgeben, oder geht es vielmehr darum, spezifische Eigenschaften des Textilen wie Faden und Struktur, Körper und Raum herauszustellen?

Die Fäden nannte Albers die ersten „transmitters of meaning“ und definierte sie im Raster, auch wenn sie später „graphischer“ arbeitete und bisweilen eine freie Linienführung anwendete. Vielleicht wird die von Albers angedeutete „Medialisierung“ des Fadens erst im Vergleich mit Arbeiten wie etwa den aus Schnüren, Kordeln und Fäden bestehenden von Eva Hesse deutlich. Zeitgleich mit einzelnen Werken von Albers (und quasi Gegenpol) hat Duchamp 1942 den Ausstellungsraum der First Papers of Surrealism mit Sixteen Miles of String in eine Art von Netzwerk transformiert und Fäden quer über den Raum verspannt.

Anni Albers,Wandbehang, 1924, Ausstellungsansicht Anni Albers. Constructing Textiles, Belvedere Wien, 2026
Foto: Susanne Neuburger

Im Unterschied zur Malerei erlaubt das Arbeiten am Webstuhl nicht, das ganze „Bild“ zu sehen, sondern zeigt „nur“ einen Ausschnitt. Aufgrund der linearen Bewegung der Fäden, die Reihe um Reihe erfolgt, ist das Weben deshalb, wie Hanne Loreck gezeigt hat, einer interagierenden dynamischen Wechselbeziehung von Sehen und Lesen verpflichtet. Sie schlägt daher das Lesen als „alternatives visuelles Wahrnehmungsregister“ für Albers vor, wie es Werke wie Ancient Writing oder Open Letter auch andeuten.(3) Statt der „Einfühlungs- und Versenkungsästhetik“ in einzelne Werke plädiert Loreck für ein geteiltes „Betrachtungskontinuum“ und zieht folgerichtig das Modell von „Architektur, Raum und Schrift“ dem von „Architektur, Raum und Bild“ vor.(4) Wie wichtig diesbezügliche Kriterien sind, zeigt in der Ausstellung ein Wandbehang von 1924 in einer Präsentation, die kaum den Ansprüchen der Künstlerin gerecht wird. Die Arbeit wird in einem Rahmen gezeigt, der schräg auf einem Sockel steht, also einander widersprechende Hilfselemente überlagert, die kaum eine klare Rezeption ermöglichen. Auch die verschachtelten und klobig wirkenden Einbauten, die mehr dekorativ als funktional sind, wären der Ästhetik von Anni und Josef Albers wohl fremd gewesen. Hätte man nicht in einzelnen Fällen mittels transparenter Plexiboxen, soweit konservatorisch möglich, den Werken Körper und Raum geben können, was den Vorteil gehabt hätte, dass man sie auch seitlich sehen kann? Solche Displays hätten zusätzlich mehr Nähe hergestellt, ist doch ein Großteil der Objekte (auch) als Gebrauchsgegenstand gedacht.

Ausstellungsansicht Anni Albers. Constructing Textiles mit der MoMA-Ausstellung von 1949 (Foto: Soichi Sunami), Belvedere Wien, 2026
Foto: Susanne Neuburger

Was das Wohnen in der Moderne betrifft, verlangte der Kunsthistoriker und Architekturpublizist Adolf Behne, dass sich Raum und Mensch aufeinander beziehen und folgert daraus, dass „der Raum den Menschen kennt“.(5) Etwas von dieser Idee findet sich in der MoMA-Ausstellung von Albers 1949, von der eine der vorhandenen Fotografien auch in der Ausstellung zu sehen ist. Die Schau war nicht nur mit den semitransparenten Raumteilern auf Nähe angelegt, so dass man Haptik und Volumen wahrnehmen konnte, sie war auch dicht gehängt und ohne Berührungsängste zu erleben. 

Welche Gründe auch immer vorliegen, ob konservatorische Vorgaben oder ästhetische Entscheidungen: Es ist sehr zu bedauern, dass Ancient Writing, ein Hauptwerk von Albers, in der Ausstellung in einer sargartigen Bodenvitrine gezeigt wird. Dieses Werk erzählt viel von der Migration nichtkonventioneller Schreibsysteme alter Hochkulturen, die Albers beforscht hat, und enthält die Verbindung von Geschichte und Text in Material und Form. Aufgrund seiner Größe kann man die Arbeit nur ungenügend in Aufsicht erfassen und allenfalls mit einem melancholischen Blick in die Tiefe vom Rand her betrachten. Weder wird ihre räumliche Dimension deutlich noch ist das Modell des Lesens anzuwenden.

Ausstellungsansicht Leonor Antunesdiscrepancies with W.W. (in company), Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof, 2026
Foto: Amanshauser

Wie schauen andere Ausstellungen textiler Objekte aus? Das oben erwähnte „Betrachtungskontinuum“ hat die Ausstellung Woven Histories. Textiles and Modern Abstraction, die im MoMA 2025 und später an anderen Orten gezeigt wurde, überzeugend umgesetzt.(6) Umsichtige und knapp gehaltene Überlegungen für die Präsentation einzelner Objekte haben ein schlüssiges und sehr lebendiges Szenario erzeugt. In Wien ist die Ausstellung discrepancies with W.W. (in company) vonLeonor Antunes, die die Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof kuratiert von Julienne Lorz mit Werken aus ihrer Sammlung veranstaltet, ein spannendes Beispiel in puncto Präsentation und Display von textilen (und anderen) Objekten. Antunes vereint zeitliche Ebenen in skulpturalen Objekten, die selbst wiederum aus Zitaten entstanden sind. Display, Werk und Exponate fallen quasi in eins und enthalten nebst eigenen Referenzen auf Charlotte Perriand oder Sophie Taeuber-Arp Werke von Künstlerinnen der Wiener Werkstätte und anderen der Zwischenkriegszeit wie etwa Erika Giovanna Klien oder Friedl Dicker. Einzelne offene und transparente Konstruktion können entweder als Ganzes gesehen oder in Teilen rezipiert werden. Auch Lampenobjekte sind mitgedacht, wenn es zu einer Interaktion von Ebenen und Sichtweisen kommt. Albers hat sie stets zwischen Praxis und Theorie gesucht.

(1) Siehe Franziska Beeli und Walburga Krupp, Karoline Soppa, Stefan Zumbühl, „Die Umgestaltung des `Triptychon`(1918) von Sophie Taeuber-Arp“, in: Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung 36-2 (2023), S. 224 ff.:

https://www.researchgate.net/profile/Stefan-Zumbuehl/publication/379078119_Die_Umgestaltung_des_Triptychon_1918_von_Sophie_Taeuber-Arp/links/65f9d7b4d3a085514234fecf/Die-Umgestaltung-des-Triptychon-1918-von-Sophie-Taeuber-Arp.pdf

 (2) Anni Albers, „The Pliable Plane. Textiles in Architecture“, Abdruck in: Brenda Danilowitz (Hg.), Anni Albers. Selected Writings on Design, Hanover, New Hampshire 2001, S. 44 ff., zit. nach:

https://monoskop.org/images/d/d2/Albers_Anni_Selected_Writings_on_Design_2000.pdf

 (3) Hanne Loreck, „Gewebe und Textil als Material, Machart, Modell und Metapher“, in: Sabeth Buchmann, Rike Frank (Hg.), Textile Theorien derModerne, Berlin 2015, S. 91.

 (4) Ebenda S. 92.

 (5) Zit. nach Hans-Georg von Arburg, Endlich wohnen! Zuhause bleiben in der existentiellen Moderne, Konstanz 2026, S. 40.

 (6) Zum Ausstellungsrundgang im MoMA siehe: https://www.youtube.com/watch?v=u3GArg0-XR4





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Stano Filko