Schieflage (Karl Lueger, 3,5°)
Josef Müllner, Dr.-Karl-Lueger-Denkmal, 1926, Abbau im Jänner 2026
© Wolfgang Thaler
im Kontext aktueller Skulptur
Iman Issa hat in ihrer Werkgruppe Material, deren Titel alle mit „Material for a sculpture“ beginnen, die Relation zwischen Geschichte als Manifestationen öffentlichen Gedenkens, Sprache und Objekt ausgelotet. Darunter befindet sich mit Material for a sculpture proposed as an alternative to a monument that has become an embarrassment to its people ein tischartiges Display, das zwei runde, an eine Weltkugel erinnernde Lampenobjekte zeigt, von denen abwechselnd eines leuchtet. In der für Issa typischen minimalistischen Ausführung handelt es sich dabei um eine Arbeit über ein konkretes Denkmal, vielleicht aus ihrer Heimat Ägypten, das aber als visuelle Referenz nicht einbezogen ist. Man kann annehmen, dass Issa alt gegen neu in Stellung bringt und vermuten, dass daraus keine Einbettung des Vergangenen im Gegenwärtigen entstehen kann.
Iman Issa, Material for a sculpture proposed as an alternative to a monument that has become an embarrassment to its people, 2010
Courtesy Sylvia Kouvali, © Iman Issa 2026
Mit ähnlichen Fragen hat sich wahrscheinlich auch Klemens Wihlidal beschäftigt, der den Wettbewerb gewonnen hat, den das Wiener Programm KÖR zur „permanenten künstlerischen Kontextualisierung“ des Dr.-Karl-Lueger-Denkmals ausgeschrieben hatte. Mit Schieflage (Karl Lueger, 3,5°) hat die Jury ein Projekt des Künstlers von 2009 prämiert, eine Entscheidung, die wie folgt begründet wird: „Die Transformation des Denkmals unterläuft die affirmative Betrachtung von Luegers Politik der Ausgrenzung und seiner rassistischen und antisemitischen Hassreden. Die ‚Schieflage‘ verändert Perspektiven auf Vergangenheit und Gegenwart.“(1)
Viele Pro- und Kontrastimmen haben die Entscheidungsfindung begleitet, allen voran jene, die das Denkmal entfernt wissen wollten. Folgt man Issa ist eine reflexive, skulptural motivierte Auseinandersetzung allerdings ein Gewinn, die Wihlidal nun am Objekt selbst vornimmt. Bei dem Denkmal, das Josef Müllner 14 Jahre nach Auftragsvergabe 1926 vollendete, handelt es sich um ein dreistufiges Denkmal, dessen Sockelzonen aus Stein mit szenischen bzw. allegorischen Darstellungen den überdimensionierten Körper Luegers aus Bronze tragen.(2) Es ist ein Denkmal, das auf einem zentralen Platz Wiens kollektives Erinnern antreiben sollte und in Bälde als Gesamtes um 3,5 Grad nach rechts geneigt wird, wie es das Projekt von Wihlidal vorsieht.
Nora Schultz, Red Niche / Clock, 2026, Ausstellungsansicht Now and The non-watch, MEYER*KAINER, Wien 2026
© Simon Veres, Courtesy MEYER*KAINER, Wien
Zunächst treffen zwei Zeitebenen aufeinander mit der Tatsache, dass zwischen historischer und zeitgenössischer Skulptur neben mehrfachen Paradigmenwechsel offensichtlich ist, dass man sich von einem „allzu körperlichen, allzu physisch-manifesten Umgrenzungen überdeterminierten Medium“(3) seit langem verabschiedet hat. Derzeitige Ausstellungen von Iman Issa im Lenbachhaus in München oder von Nora Schultz bei MEYER*KAINER in Wien geben dazu gute Beispiele. Handlungsspielräume oder Verbindungen zu anderen Medien spielen ebenso eine Rolle wie Notation und Zeichnung. Schultz setzt Zeit- und Raumstrukturen gegeneinander, bezieht Sprach- und Aufnahmesysteme mit ein und entwickelt einen beeindruckenden, auf den jeweiligen Raum abgestimmten Formenapparat. Generell sind Anthropomorphismus gepaart mit Volumen und Status des Vertikalen längst anderen Vorstellungen von „Verkörpertsein“ gewichen, die Rachel Haidu in den Arbeiten von Isa Genzken, Rachel Harrison oder Nairy Baghranian als „Reflexion“ versteht, „was der Mensch ist oder sein könnte“.(4)
Dispositive von Skulptur und Denkmal sind der „Umgestaltung“ (Klemens Wihlidal) des Lueger-Denkmals implizit, auch wenn gegenwärtige Diskurse um den Status der Skulptur vermutlich für Wihlidal keine große Rolle spielen. Ausdrücklich will er das bestehende Denkmal nicht verändern, was aber so nicht stimmt, da zwar Umriss und Volumen gleichbleiben, allerdings die neue Platzierung sehr wohl Veränderung und Eingriff bedeuten. Man könnte auch sagen, Wihlidal kürzt etwaige Diskurse ab, indem er beide Zeitebenen kurzschließt und das Denkmal als Readymade versteht, um so über Müllners Autorenschaft und dessen Urheberrecht hinweggehen zu können.
Mit der vorgeschlagenen Neigung um 3,5 Grad nach rechts wird das Werk endgültig die Vertikale und damit die durch die Schwerkraft bedingte Standhaftigkeit verlassen: oben und unten werden fortan rechts und links untergeordnet sein. Für die Neuaufstellung ist ein Stützsystem notwendig, das dem erforderlichen Winkel entspricht, womit nun Fragen von Lateralität tragend werden. Die rechte Seite war keine politische Entscheidung, sondern würde die Abwärtsbewegung deutlicher machen, wie der Künstler in einem Interview klarstellte.(5) Dagegen sieht die ästhetische Wahrnehmung beforschende Wissenschaftlerin Christa Sütterlin das Austarieren von links und rechts in der Kunst „von einer optimalen Stimulation einer ungesteuerten Wirklichkeit“ bestimmt, in der die linke Seite heftig und düster, die rechte aber für das Vernünftige steht, das einen guten Ausgang sucht.(6)
Klemens Wihlidal, Schieflage (Karl Lueger, 3,5°), 2009, Projektentwurf
Projketfoto Klemens Wihlidal
Als die Figur Luegers zwecks Restaurierung aufgehoben wurde und in der Luft schwebte, befand sie sich vor Ort das letzte Mal in der Vertikalen, ein Bild, das an jene im Film Once in the XX Century von Deimantas Narkevicius erinnerte, in dem Aufbau einer Lenin-Statue deren Abbau konterkariert und kollektives Gedenken und historische Erzählungen hinterfragt. William Faulkner zufolge ist das Vergangene ja nicht nur nicht tot, sondern nicht einmal vergangen.
Die Neigung zeigt den Ansatz eines Stürzens, dessen weiterer Verlauf hypothetisch ist. Wihlidal spricht von einem untergehenden Schiff. Ist es wirklich so dramatisch? Leichter als nach unten abzugleiten könnte sich das Denkmal doch auch wieder emporschwingen und die Leerstelle einnehmen, die es verlassen hat. Diese steht im Zeichen von Fehlen und Abwesenheit, das der Eingriff eines Künstlers in das Werk eines anderen verursacht hat, nicht unähnlich jenem prominenten Beispiel von Robert Rauschenbergs Erased De Kooning Drawing, wo der Künstler bekanntlich eine Zeichnung De Koonings ausradierte.
Die „kleine“ Differenz, die einer „großen“ Entthronung gleichkommen soll, bleibt inhaltlich spekulativ. Wird sie tatsächlich als ausreichend empfunden, um schwere Vorwürfe wie Rassismus und Antisemitismus abzuwehren? Seinem legendären Readymade In Advance of the Broken Arm, einer an der Decke befestigten Schneeschaufel, hat Duchamp einen in die Zukunft gerichteten Handlungsspielraum gegeben, der für Kontext und Erzählung sorgt. Im Entwurf für das Lueger-Denkmal decken sich Titel und Ausführung und simulieren eine Einheit, nämlich die immer wieder angesprochene Veränderung der Perspektive, die Sujet und Form nach Belieben kurzschließt.
Die neue Schieflage, so der Künstler, würde „Ehrwürdigkeit und Aufrichtigkeit“ (Klemens Wihlidal) von Lueger mindern, für die Jury bricht sie das Monumentale. Aber: Ist ein „gekippter“ Lueger weniger antisemitisch? Wie ist es mit anderen Werken? Man kann sich kaum Michelangelos David in Schieflage vorstellen. Eine entsprechende Drehung von Berninis Teresa von Avila um 3,5 Grad würde man aufgrund ihrer dynamischen Kompositionslinien kaum bemerken und auch am Phone User 5 von Judith Hopf würde sich inhaltlich nichts ändern.
„Unbeständigkeit und Vergänglichkeit“ (Klemens Wihlidal), die die Neigung ausdrücken sollen, um das Ansehen Luegers zu mindern, sind letztendlich hohl wie die Bronze selbst und bieten allenfalls Irritation oder Ungereimtheit. Ein Denkmal aus Bronze und Stein ist auch in Schieflage mitnichten vergänglich oder unbeständig, womit derartige Anspielungen vage bleiben. Letztendlich ist es die begleitende Texttafel, an die der Part der Narration delegiert wird, während das Denkmal selbst vom Modus der Repräsentation kaum abrückt.
Ein Vergleich mit dem bedrohlichen Szenario der körperlosen Riesenfiguren von Sandra Mujinga in ihrer Ausstellung Skinto Skin im Belvedere 21 macht es noch einmal deutlich: Skulptur hat ein durchaus radikales Potential, deren Beweglichkeit Judith Hopf mit der von Kino und Kamera verglichen hat.(7)
(1) Vgl. zur Person von Karl Lueger und zur Entstehung des Denkmals die beiden Texte von Andreas Nierhaus im Wien Museum Magazin:
https://magazin.wienmuseum.at › das-lueger-denkmal-von-josef-muellner
(2) Wenn nicht anders angegeben, sind alle Statements von Klemens Wihlidal und der Jury des Wettbewerbs der Homepage von KÖR entnommen: https://www.koer.or.at/projekte/kuenstlerische-kontextualisierung-des-dr-karl-lueger-denkmals/
(3) Zit. nach Rachel Haidu, „Warum der Stress?“, in: Texte zur Kunst, Heft 134, Juni 2024, S. 35.
(4) Ebenda, S. 33.
(5) Klemens Wihlidal im Interview mit Katharina Rustler, in: Der Standard, 30.01.2026.
(6) Christa Sütterlin, „Links und Rechts im Raum der Erfahrung und der Kunst“, zit. nach: https://www.zobodat.at/pdf/Matreier-Gespraeche_2002_0108-0128.pdf
(7) Judith Hopf im Round Table „Etwas im Verhältnis zu Etwas: Zur Materialität und Materie von Skulptur heute“, in: Texte zur Kunst, Heft 134, Juni 2024, S. 161 ff.