Angesagte Mädchen
Michaelina Wautier, Zwei Mädchen als heilige Agnes und heilige Dorothea, um 1655, Königliches Museum für Schöne Künste Antwerpen
Foto: Rik Klein Gotink
Eine Ausstellung mit 150 Exponaten im Linzer Lentos, Texte von Teresa Präauer, die 1. Mädchenbühne am Wiener Reumannplatz, das neu benannte Haus Scheu als „Haus Erika Ida Marie“: Dem Mädchen wird aktuell viel Aufmerksamkeit gewidmet, als stünde sein Status auf einem Prüfstein. Es ist ein komplexes Thema, das an biographischen oder historischen Bezügen festzumachen ist oder Projektionsfläche aus Literatur und bildender Kunst sein kann. Auch im Werk der nun wiederentdeckten Malerin Michaelina Wautier spielen Mädchen eine wichtige Rolle, zumal ihr Bild Zwei Mädchen als heilige Agnes und heilige Dorothea, wie es im Katalog vom Kunsthistorischen Museum heißt, als ihr „ikonischtes“ bezeichnet wird, das „ihre besten künstlerischen Eigenschaften vereint.“(1) In Linz zeigt die Ausstellung Mädchen* sein!? eine quasi wörtliche Bildhaftigkeit, zu deren Ordnung Gruppen gefunden wurden, um Darstellungsmodi zu analysieren und historische Entwicklungen aufzuzeigen. Das Wort „Mädchen“ wurzelt in einem Diminutiv und ist sächlich, was ebenso eine Bedingung schafft, wie es aus der komplexen Figur der Magd abzuleiten ist. Wie man dieses Thema schlüssig verhandeln kann, fragt Teresa Präauer in ihrem Buch Mädchen,(2) das den Begriff in Literatur und Sprache mit ihrer eigenen Mädchenzeit verknüpft. Klischees und Zuschreibungen untersucht sie in Hinblick auf Handlungsspielräume und sieht diese nicht nur als Einschränkungen und Fallen, sondern auch als großes Potential. Sie versteht das „Mädchen“ als offenen Begriff, der Brüche und Scheitern zulässt und sein Image immer wieder verändert. Dies betrifft auch die Zeitspanne, in der man Mädchen gerade noch Mädchen sein lässt. Poetisch drückt dies die Schriftstellerin Hertha Kräftner in ihrem Gedicht Mädchen aus, indem sie auf die diesbezügliche Ambivalenz vielsagend mit dem Passus „Und man ist nicht mehr Kind“ hindeutet.(3)
Ausstellungsansicht Mädchen* sein!?, Lentos, Linz 2026
Foto: Violetta Wakolbinger
Präauer, die selbst als bildende Künstlerin arbeitet und auch für die Linzer Ausstellung Werke und einen Text beigesteuert hat, betont für ihre Arbeit den Ansatz des Bildhaften, wenn sie Vorbilder aus Kunst und Literatur mit subjektiven Erfahrungswelten neu aufmischt. Ähnlich mag dies auch Jahrhunderte davor für die Malerin Michaelina Wautier und ihr Bild der beiden Heiligen gegolten haben. Das Kunsthistorische Museum hat es sich zur Aufgabe gemacht, die bis dato wenig bekannte Künstlerin in einer umfassenden Ausstellung zu würdigen, in der das besagte, um 1655 entstandene Bild als Leihgabe des Königlichen Museums für Schöne Künste in Antwerpen zu sehen ist. Es ist kein großes Bild wie jene 20 Jahre davor entstandenen von Anthonis van Dyck und Gaspar de Crayer, die Wautier im selben Saal so paternalistisch zur Seite gestellt werden. Wautiers Bild besticht ob der differenzierten Zeichnung der beiden Gesichter, der dramatischen und detailreichen Ausgestaltung des Kleides der hl. Agnes sowie der gewählten Farben. Raffiniert ist auch die Blickführung der beiden Figuren angelegt, als wollten sie sich keinesfalls den, zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes längst verstorbenen Vaterfiguren wie van Dyck oder auch Peter Paul Rubens (dessen Porträt Wautiers Selbstporträt so aufdringlich nahe hängt) zuwenden. Die beiden Mädchen sind individuell charakterisiert, könnten sogar, wie im Katalog vorgeschlagen, als Porträts gelten, wie die gesamte Szenerie von einer häuslichen erzählt, in die die Attribute, das Lamm von Agnes sowie Früchte und Blumen von Dorothea, quasi beiläufig eingebunden sind. Als wären die beiden Märtyrinnen, die sich unabhängig voneinander und an verschiedenen Orten Keuschheit und Ehelosigkeit zugunsten ihres Glaubens verschrieben hatten und dafür ein langwieriges Martyrium erleiden mussten, in die Gegenwart der Entstehung des Bildes versetzt. Wautier aktualisiert traditionelle Heiligendarstellungen und macht sie dadurch lebendig. Steht man vor dem Bild, überträgt sich seine Interpretation neuerlich auf unsere aktuelle Zeit, wodurch eine Lesbarkeit auf mehreren Ebenen erreicht wird, die sich zu akademischen und kirchlichen Doktrinen gegenläufig verhält: Zu Recht wird das Werk als ihr „einfühlsamstes“ (Werktext) Bild angesehen. Zusätzlich ist die hl. Agnes, die aus einer reichen römischen Familie stammte und traditionell in aufwändigem Gewand dargestellt wird, anders als die kindliche Dorothea wohl an jener Schwelle erfasst, in der das Mädchen erwachsen wird. Wie in Kräftners Gedicht beschrieben, ist sie dabei aus der Zuschreibung „Mädchen“ auszubrechen, was auch eine Spannung des Bildes ausmacht.
Trotz der offensichtlichen Wertschätzung für die Künstlerin ist es dem Kunsthistorischen Museum wichtig, die Vorbildwirkung der berühmten Maler wie de Crayer oder van Dyck nicht zu kurz kommen zu lassen. Diese wird etwa in dem Schal gesehen, den die Figur der Agnes trägt und vom Schal der Maria in de Crayers Verkündigung abgeleitet wird, obwohl der eine dem anderen kaum ähnlich ist. Das Kunsthistorische Museum scheint Wautier bisweilen wenig zuzutrauen und lässt sie deshalb nicht ohne Vaterfiguren auftreten. Die Saaltexte betonen die grundlegenden Einflüsse, die Wautier „einfühlsam und auf ganz persönliche Weise - nicht immer sofort erkennbar - verarbeitet“ (Saaltext). Geht es um die Wiederentdeckung einer großartigen Künstlerin oder um eine, kunsthistorischen Genealogien hinterherspürende Detektivarbeit? Hätte man den Werken Wautiers nicht einen eigenen Raum geben können? Auch hätte man ihrem Triumph des Bacchus eine zentrale, alleinstehende Position vergönnt, durchaus gepaart mit ihrem Selbstporträt, aber ohne jenes von Rubens daneben.
Zwischen Realität und Fiktion kann die Erzählung über Mädchen immer auch eine alternative sein. Auch dann, wenn in Geschichte und Gegenwart Klischees gleichgeblieben sind. In Präauers Erzählung Fünf Mädchen etwa ist es die Gruppendynamik einer Mädchenbande, mit der fünf Mädchen vom Matzleinsdorfer Platz in Richtung Reumannplatz unterwegs sind, selbstbestimmt und Grenzen übertretend.(4) Eine Einrichtung wie die 1. Mädchenbühne am Reumannplatz, die seit einigen Jahren von einzelnen Vereinen mit Mädchengruppen bespielt wird und für den Bezirk an seinem neuralgischen Zentrum ein wichtiges Statement ist, wären für Präauers Bande viel zu spießig.
Mädchen also behaupten sich und sind an ungewöhnlichen Orten anzutreffen: Etwa haben sich die aktuellen Besitzer:innen einer Loos-Villa, die die Architekturgeschichte als Villa Scheu kennt, entschlossen, die Namen der drei von Adolf Loos sexuell missbrauchten Mädchen auf die Fassade des Hauses zu setzen. Die Homepage spricht von „einer künstlerischen Kontextualisierung eines Wohnhauses mit herausforderndem Hintergrund“(5). Die drei Mädchen will man als Vorbilder verstanden wissen, die den Mut hatten, den Mächtigen entgegenzutreten: Ein Mädchenmemorial an Erika, Ida und Marie, das neuerlich auf die Aktualität der Thematik hinweist, die bei weitem nicht abgeschlossen ist.
1) Gerlinde Gruber (Hg.), Michaelina Wautier, Ausstellungskatalog Kunsthistorisches Museum, Wien 2025, S. 47.
2) Teresa Präauer, Mädchen, Göttingen 2022.
3) Hertha Kräftner, Liebesgedichte: http://www.deutsche-liebeslyrik.de/kraftner_hertha.htm#g1
4) Teresa Präauer, „Ich wäre so gerne … eine Gruppe von 5 Mädchen“, in: Frankfurter Rundschau, 07.01.2019:
https://www.fr.de/fr7/gerne-eine-gruppe-fuenf-maedchen-11036703.html
5) Vgl. dazu die Homepage https://www.haus-erika-ida-marie.at/