Gerhard Richter, Lebensfreude

Gerhard Richter, Lebensfreude, 1956, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 2025
Foto: Andreas Rost, für das Wandgemälde: © Gerhard Richter 2025 (04072025)

Aus dem 2023 freigelegten Abschnitt von Gerhard Richters Wandarbeit Lebensfreude im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden sticht die weibliche Figur im weißen Badeanzug merklich hervor, die mehr ästhetisch denn programmatisch angelegt scheint und den Kriterien der Malerei des sozialistischen Realismus wohl nicht gänzlich entspricht. Sie ist Teil der 15 Meter langen Diplomarbeit Richters an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, die er 1956 im Südflügel des Stiegenhauses des Museums ausführte. Dargestellt ist ein in fünf Szenen gruppiertes Arkadien, das in seiner Gesamtheit in eine Landschaft mit See, Bäumen und Tieren eingebettet ist, von denen nun jene Gruppe der Badenden am Strand sowie eine weitere, einen Rundtanz ausführende zu sehen sind. Eine sitzende Frauenfigur links leitet zur anschließenden, nicht mehr sichtbaren Szene über. Lange hatte Richter einer Freilegung des 1979 übertünchten Werks nicht zugestimmt, obwohl es auch im Rahmen baugebundener Malerei der DDR eine Rolle spielt.

Gerhard Richter, Lebensfreude (Detail), 1956, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 2025
Foto: Andreas Rost, für das Wandgemälde: © Gerhard Richter 2025 (04072025)

Alle Figuren zitieren gängige Posen, so auch die erwähnte Figur im weißen Badeanzug. Im Katalog, der anlässlich der Freilegung und Restaurierung erschienen ist, wird sie von Botticellis Venus abgeleitet, wie ebenso Manets Frühstück im Grünen und ein Tanzbild von Matisse als unmittelbare Vorbilder geltend gemacht werden.(1) Dass für den teuersten und prominentesten Maler Deutschlands nur die Inkunabeln der Kunstgeschichte als Vergleich in Frage kommen, scheint dabei beschlossene Sache, die leicht vergessen lässt, dass Richter immer schon fotoaffin war. Dass ein junger Künstler nur die hehre Kunstgeschichte und keine anderen Bilder vor Augen hatte, ist kaum vorstellbar, zumal Richter mit einer Modestudentin liiert war und von „Tante Lenchen“ mit Zeitschriften und Illustrierten aus dem Westen versorgt wurde.(2) Außerdem konnte Richter 1955 einige deutsche Städten bereisen und hatte auch die erste Documenta gesehen, die ihn im Gegensatz zur zweiten 1959 nicht besonders beeindruckte.

Das enganliegende Modell des Badeanzugs mit angeschnittenem Bein, mit oder ohne Träger war in den 1950er Jahren immer eine Gelegenheit für eine Pose, die Stars wie Marylin Monroe und Grace Kelly in kalkulierten Inszenierungen vorführten. Alle Genealogien von der Antike zu Botticellis Venus waren längst überformt, wenn Grace Kelly im weißen Badeanzug 1955 am Set von Über den Dächern von Nizza posierte oder Marilyn Monroe in wechselnden Posen am Strand von Santa Monica im besagten weißen Badekostüm dem Kleidungsstück zu Glamour und Erotik verhalf.(3) Hier setzte auch die Modefotografie in allen Varianten an und gab einen Rest an Glanz und Charme sogar noch an diverse Schnittmuster für jene weiter, die sich das Kostüm selbst schneiderten.

Gerhard Richter, Lebensfreude (Detail), 1956, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 2025
Foto: Andreas Rost, für das Wandgemälde: © Gerhard Richter 2025 (04072025)

In ihrem Katalogtext erläutert Sandra Mühlenberend die Problematik um die staatlichen Vorgaben für eine formale Realistik, spricht jedoch für die Jahre um Richters Diplomarbeit von einem „Tauwetter“ und Lockerungen, die nach dem Tod von Stalin eine kurze Zeitspanne möglich waren und Richter einen gewissen Freiraum gewährten.(4) Sollte das Bild zwar gesellschaftliche Werte vermitteln und die „traditionelle Begegnung von Mann und Frau im Privaten bis hin zur Gründung einer Familie als Grundlage für den Aufbau einer Gesellschaft“(5) zum Thema haben, waren doch auch Brüche zu spüren. Die Badeszene ist einer davon. Im Konzept des sozialistischen Realismus war Ästhetik kein ausschließliches Kriterium, sondern man suchte nach einer Form, die Individuum und Gesellschaft verband. So ist unsere Protagonistin zu verstehen, in der noch Reminiszenzen einer idealisierten Frauenfigur der NS-Zeit anklingen, die aber ebenso „westliche“ Elemente in sich birgt. Formal wichtig ist der dunkle Bademantel, der sie hinterfängt und den die männliche Figur im Kittel, die ihr als quasi Galan zur Seite gestellt ist, so hält, als würde sie den Bademantel entweder abnehmen oder helfen ihn anzuziehen.  

Jede Pose steht einerseits für sich, schließt aber andererseits an die anderen an, als Strategie ist sie, wie auch Mühlenberend betont,(6) essenziell. Die rechte männliche Figur zitiert einen Rückenakt, der sich im Kind des Rundtanzes, was die Ponderation betrifft, spiegelbildlich wiederholt. Kontrapost und abgewogene Gestik spielen bei allen Figuren eine Rolle, deren Gesichter überindividuelle Ähnlichkeiten aufweisen. Gerade diesbezüglich setzen sie sich von ihren möglichen kunsthistorischen Vorbildern ebenso ab wie sie sie zitieren. Die Pose ist mehr als eine Motivübernahme und steckt, wie wir seit Craig Owens wissen, voller Implikationen, deren eine etwa ihr fotografisches Dispositiv ist.

Gerhard Richter, Lebensfreude (Detail während der Freilegung), 1956, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 2025
Foto: Andreas Rost, für das Wandgemälde: © Gerhard Richter 2025 (04072025)

Einen Bruch mit den staatlichen Vorgaben weisen auch Teile des Hintergrundes auf, der verschiedene geometrische Formationen aufzeigt, die sich in verhaltener Farbigkeit in die Gesamtszenerie einfügen. Muster oder Moderne? War Abstraktion als Formalismus nicht verpönt? Mühlenberend macht in diesem Zusammenhang auf die Ausstellung Moderne französische Wandteppiche 1955 im Berliner Pergamonmuseum aufmerksam, die Richter vermutlich gesehen hat, wie überhaupt im Katalog eine Sicht auf die Arbeit als Tapisserie oder Gobelin favorisiert wird.(7) Dazu würden auch die Schraffuren beitragen, senkrechte Pinselstriche, die Richter im gesamten Werk so eingesetzt hat, dass „durch das Neben und Übereinander verschiedenfarbiger Striche selbst mit wenig Tönen eine differenzierte Farbigkeit erzielt (werden) kann“.(8) Schwarze Konturen wiederum fungieren bisweilen als Begrenzung der Figuren. War für Richter generell der räumliche Aspekt wichtig, der sowohl die Situierung im Museum als auch die Wandarbeit selbst betraf, erzeugt die Malweise eine gewisse Flachheit, verstärkt aber auch den Eindruck eines Ganzen. Waren die abstrahierenden Hintergrundelemente also eine Referenz an die Moderne, obwohl Richter der ersten Documenta, die die Moderne ausführlich zeigte, angeblich nur wenig abgewinnen konnte?

„Wann fängt Kunst an?“: Unter diesem Titel haben Angela Matyssek und Franciska Nowel Camino eine Publikation herausgebracht, in der sie das Frühwerk in der Gegenwartskunst erkunden.(9) Lebensfreude hat keine Werknummer im Oeuvre von Richter, für den seine Arbeiten aus Dresden bis 1961 sowie jene aus seiner Düsseldorfer Akademiezeit lediglich dokumentarischen Wert besitzen. Das Werkverzeichnis Richters beginnt 1962 mit der Arbeit Tisch. Ähnlich wie Warhol nimmt er seine frühen Werke nicht auf und hat angeblich Einiges zerstört, wie etwa auch John Baldessari und Jasper Johns ihr Frühwerk vernichtet haben. Einige Werke Richters allerdings gelangten in den ostdeutschen und westdeutschen Handel und boten oft Anlass zu Spekulationen, was dazu führte, dass Richter dem Dresdner Gerhard Richter Archiv an den Staatlichen Kunstsammlungen die Rechte seiner frühen Arbeiten übertragen hat.(10) Wie strikt und pragmatisch Richter in seiner Ordnungsstruktur vorgeht, wird im Vergleich zu den Beispielen in der erwähnten Publikation deutlich, wo Autorenfiktion, Biographik oder Backstories Narrative im Werkverzeichnis aufbauen. Der Anfang wird immer retrospektiv erklärt und weist die verschiedensten Praktiken auf. Alighiero Boetti hat im Gegensatz zu Richter behauptet, dass seine „Werke“ aus der Kindheit bereits die ganze Arte povera vorwegnehmen, die Kindheit also das Werk konstituiert. Von Hanne Darboven ist überliefert, dass sie als Studentin die europäische Kunstgeschichte so lange durchspielte bis sie an den Punkt kam, „an dem diese Tradition ihre Autorität einbüßte.“(11) Für Richter muss Ähnliches gegolten haben. Die Wandarbeit in Dresden bleibt ein Werk ohne Werknummer in einem nicht autorisierten Frühwerk, dessen Kurator:innen sich dennoch auf die Suche nach Ursprung und Herkunft begaben, indem sie es freilegten und sich mit dem kühnen Vergleich zu Manets Frühstück im Grünen an neue Genealogien wagten.

 (1) Vgl. Vorwort und Texte im Katalog: Stiftung Deutsches Hygiene-Museum und Wüstenrot Stiftung (Hg.), Gerhard Richter, Lebensfreude 1956. Freilegung des verschwundenen Wandbildes im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden/Ludwigsburg 2025, etwa S. 13 oder S. 99 ff.

(2) Gerhard Richter in der Zeit, 1/2022: https://www.zeit.de/2022/01/gerhard-richter-maler-kunst-faszination

(3) Für Grace Kelly siehe: https://www.vogue.de/mode/artikel/look-des-tages-grace-kelly-urlaubs-outfit-mode-basics

Für Marilyn Monroe siehe etwa die Serie von Andé de Dienes 1949 am Strand von Santa Monica:  http://www.glamamor.com/2012/06/marilyn-monroe-models-swimsuits-and.html

(4) Sandra Mühlenberend, „Künstlerische Spielräume in den 1950er Jahren in der DDR. Gerhard Richters Wandbild ‚Lebensräume‘“, in: Stiftung Deutsches Hygiene-Museum und Wüstenrot Stiftung (Hg.), zit. Anm. 1, S. 106 ff.

(5) Ebenda, S. 108.

(6) Ebenda.

(7) Ebenda, S. 109.

(8) Zitat von Gerhard Richter, siehe Stiftung Deutsches Hygiene-Museum und Wüstenrot Stiftung (Hg.), zit. Anm. 1, S. 131.

(9) Angela Matyssek und Franciska Nowel Camino (Hg.), Wann fängt Kunst an? Das variable Frühwerk in der Gegenwartskunst, Heidelberg: arthistorium.net, 2025: https://doi.org/10.11588/arthistoricum.1626.c24550

(10) Vgl. den Beitrag von Dietmar Elger bei Matyssek und Nowel Camino, zit. Anm. 9, S. 61 ff.

(11) Zit. nach Matyssek und Nowel Camino, zit. Anm. 9, S. 21.

 

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