Liesl Raff im Gespräch mit Susanne Neuburger

Atelier von Liesl Raff, 2024
Courtesy: die Künstlerin und Galerie Eva Presenhuber, Zürich/Wien  

anlässlich ihrer Ausstellungen in Braunschweig, Graz, Wien und Winterthur

Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen, die Nominierung für den renommierten Pauli-Preis der Kunsthalle Bremen, die erste Einzelausstellung in Deutschland, eine Residency in New York: In den letzten Jahren hat die Künstlerin Liesl Raff (geb. 1979 in Stuttgart), die von 2003 bis 2008 Bühnenbild in Graz und von 2007 bis 2012 an der Akademie der bildenden Künste in Wien studierte, eine beachtliche Karriere zu verzeichnen. Ihre experimentelle Verwendung von Naturkautschuk (Latex) ist in viele skulpturale Raumsituationen eingegangen, die oft eine Bühne für Musik, Performance und Tanz abgeben. Bekannt für Kollaborationen wie etwa dem Club Liaison der Gwangju Biennale, hat sie sich 2026 mit zwei bereits verstorbenen Künstlerinnen auseinandergesetzt. Aktuell nimmt Raff auch an der Ausstellung Lebt und arbeitet in Wien teil. Im Katalog ist ein Foto von ihrem Atelier zu sehen, das Objekte aus Latex zeigt, dessen raumschaffende und haptische, zugleich aber malerische Qualitäten gut erkennbar sind.

Susanne Neuburger: Das heurige Jahr ist ja ein sehr intensives für Dich! Nebst einer Solopräsentation in der Galerie Eva Presenhuber in Wien hast Du Ausstellungen in Braunschweig, Graz und Winterthur ausgerichtet. Dieses Jahr ist zusätzlich mit der Residency in New York dicht, nachdem auch schon die Jahre davor mit der Ausstellung im fjk3 (2023) oder der Teilnahme an der Gwangju[1]  Biennale (2024) und an der Biennale de Lyon (2024) wichtige Meilensteine gesetzt hast. Was war im Braunschweiger Kunstverein (27.06. bis 27.09., Kuratorin: Cathrin Mayer), Deiner ersten institutionellen Ausstellung in Deutschland, und was ist derzeit noch in Kunst Museum Winterthur (13.06. bis 08.11., Kurator: Lynn Kost) zu sehen?

Installationsansicht Liesl Raff - Heidi Bucher. Closer, Kunst Museum Winterthur, 2026
Foto: Cedric Mussano

Liesl Raff: In Winterthur wurde ich zum Dialog mit den frühen Arbeiten von Heidi Bucher (1926-1993) eingeladen. Mir war wichtig, dass es nicht einfach eine Duoausstellung ist, sondern die Arbeiten ineinandergreifen. Es werden nur Zeichnungen und Collagen von Bucher gezeigt, also Arbeiten, die man weniger kennt. Ich habe neue Serien entwickelt, die diese Bilder einbetten, aufgreifen und dadurch auch wieder zeitgenössisch sichtbar machen.

SN: Ich kann mir vorstellen, dass es zum Werk von Heidi Bucher viele Verbindungen gibt, nicht zuletzt die Verwendung von Latex. Die Ausstellung heißt ja auch Closer, mit der das Kunst Museum Winterthur den 100. Geburtstag von Heidi Bucher eben nicht als historischen Rückblick, sondern als Dialog feiert. Man kennt Bucher vor allem durch ihre Häutungen, wo sie Räume abgießt, die ebenso eine architektonische wie textile Dimension haben. Wände und Böden waren mit Latex bestrichen, die sie eben wie eine Haut abzog. Du verwandelst nun den Raum in ein „Geflecht aus intimen Momenten und offenen Strukturen aus Stoff, Latex und weiteren Materialien“ (Pressetext) und gibst den Arbeiten von Bucher so eine neue Bühne. Aber kommen wir zu Braunschweig …

Installationsansicht Liesl Raff. Slant, Kunstverein Braunschweig, 2026
Courtesy: die Künstlerin und Galerie Eva Presenhuber, Zürich/Wien, Foto: Frank Sperling

LR: In Braunschweig im Kunstverein hatte ich eine Einzelausstellung mit dem Titel Slant. Es war eine raumgreifende Installation im Erdgeschoss der Villa Salve Hospes, die vier Werkgruppen beinhaltete. Vor den Fenstern und diese teilweise verdeckend sind es etwa die Opener, ein großes Bühnenpodest im Raum trägt den Titel Bridge. Es ging um Wahrnehmung und Abfolgen, aber auch um Verschiebungen üblicher Sichtweisen. Die klassizistische Villa bot Irritationen, indem ich Blicke verschloss, dadurch aber auch gleichzeitig andere wieder öffnete. Die Installation war ein Angebot die Räume neu zu erfahren.

SN: „Slant“ heißt ja so viel wie Neigung, Schräge oder Schräglage, im Booklet zur Ausstellung wird der Begriff als „eine in einem Winkel verlaufende Linie“ erklärt, der „im übertragenen Sinn häufig eine Perspektive oder Haltung beschreibt, zum Beispiel eine Nachricht im politischen „Slant“ oder ein Argument, das aus einem persönlichen Blickwinkel präsentiert wird. In Raffs Arbeit beschreibt Slant ein zentrales Prinzip ihres Umgangs mit dem Medium Ausstellung. (…) Gegebene Ordnungen werden dabei nicht reproduziert, sondern transformiert und lesbar gemacht.“

LR: Eher als um die Positionierung im Raum, geht es um die zum Raum. Aus meiner persönlichen Sicht versuche ich die Arbeiten so zu setzen, dass sich Perspektiven verschieben und wir dadurch Räume anders wahrnehmen. Das Persönliche wird im Ausstellungskontext dann kollektiv, indem ich meine Wahrnehmung von Räumen auch auf andere übertrage. Ich öffne also mit meinen Arbeiten Sichtweisen auf den Raum und schaffe einen Raum, der anders, auch zwischen den Dingen, stattfinden kann. Es ist mir auch wichtig, eine Atmosphäre zu erzeugen, in der man sein oder bleiben möchte: gebrochenes Licht, weiche und sanfte Oberflächen, fließende Strukturen. Diese lösen die vorhandenen Formen auf, sie öffnen sich, suchen Kontakt und fordern das Gegenüber auf an dem Prozess teilzuhaben.

SN: Es ist sehr erfreulich, dass nach einem längeren Zeitraum das Werk von Helen Chadwick (1953-1996) im Kunsthaus Graz so ausführlich gezeigt wurde (21.03. bis 20.09., Kuratorin Katrin Bucher Trantow). Von ihrer Abschlussarbeiten In the Kitchen bis zu den Piss Flowers der 1990er Jahre waren an die 70 Werke zu sehen. Deine Arbeiten konterkarierten die Ausstellung bzw. reagierten auf die von Chadwick. Es ist natürlich eine ganz andere Sache als mit Heidi Bucher in Winterthur, dennoch wird im Pressetext das Dialogische betont und dass dadurch „neue, zeitgenössische Lesarten von Material, Körper und Sprache“ geschaffen werden. Wie kam es zu der Zusammenarbeit von Hybrid Pleasures. Helen Chadwick Supported by Liesl Raff und wie würdest Du Deine Rolle darin beschreiben?

LR: Tatsächlich ein interessantes Jahr mit gleich zwei Dialogen mit schon verstorbenen Künstlerinnen! Katrin Bucher Trantow hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, eine Art Duoausstellung mit Helen Chadwick zu machen. Die Retrospektive von Chadwick war eine Übernahme bzw. Kooperation mit The Hepworth Wakefield und dem Museo Novecento in Florenz. Ich war zuerst nicht begeistert, da es ja schon eine fixierte Ausstellung mit Chadwicks Werken war. Nach mehreren Gesprächen war mein Vorschlag, dass ich als „support“ funktioniere und nicht als zweite Position. Ich finde die Arbeiten von Chadwick ganz toll und glaube, dass diese Art von Support im Raum gut funktionierte und das Werk auch zeitgenössisch verortete.

Installationsansicht Hybrid Pleasures. Helen Chadwick Supported by Liesl Raff, Kunsthaus Graz 2026
Foto: Kunsthaus Graz/J.J. Kucek © Bildrecht Wien, 2026

SN: Tatsächlich hast Du Dich, so war auch mein Eindruck, sehr zurückgenommen, das hat mir gut gefallen, und dennoch bleibst Du bei Deiner Sprache und Deinen Materialien. Chadwick arbeitet medienübergreifend mit damals innovativen und oft provokativen Materialkombinationen wie Fleisch, Blumen, Schokolade, Kompost oder Körperflüssigkeiten, frühere Werken wie Ego Geometria Sum oder Oval Court sind narrativ und bildhaft. Da gibt es schon Parallelen. In der Ausstellung in Graz habe ich die gezielte Setzung einzelner Werke, die jeweils für sich stehen, sowohl bei Chadwick als auch bei Dir als sehr schlüssig wahrgenommen. Vielleicht auch mit einem Hang zum Choreographischen?

LR: Ja total! Ich würde die Zusammenstellung meiner Werke wie auch jener von Chadwick durchaus als Choreographie betrachten. Sie sind ja auch sehr performativ und suchen den Kontakt zu anderen, wobei sie sehr unterschiedliche Bedürfnisse erwecken, auch die Begierde, dass man sie angreifen möchte oder bei ihnen sein möchte. Andererseits möchte man sie aber lieber von der Ferne anschauen, weil man auch skeptisch oder schüchtern ist.

SN: Chadwick gilt ja auch als wichtige Lehrerin, hat an verschiedenen Kunsthochschulen unterrichtet, und es wird immer betont, dass sie für die Young British Artists der nächsten Generation so wichtig war. Was lernen wir von ihr?

LR: Wir lernen von ihr, dass es wichtig ist, dass man keine Angst hat vor Materialien und deren Verwendung, außerdem, dass es wichtig ist, Dinge nicht zu werten. Auch, dass Humor wichtig ist und die Freude am Produzieren, eine Leichtigkeit in der Aneignung von Techniken und Räumen, aber es geht auch um Großzügigkeit, Offenheit und Veränderung. Sie muss eine tolle Lehrerin und Ratgeberin gewesen sein.

SN: Du hast angedeutet, dass auch eine Ausstellung in New York im Raum steht, wo Du noch bis Jahresende eine Residency verbringst.

LR: Es ist noch nicht ganz spruchreif, aber natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn es auch hier eine Gelegenheit für eine Ausstellung gibt.

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