Marie Antoinette Style
Installationsansicht Marie Antoinette Style, Victoria and Albert Museum, London
© Victoria and Albert Museum, London
Victoria and Albert Museum South Kensington, London
20.09.2025 bis 22.03.2026
Es beginnt mit Marie Antoinette und endet mit Dior und anderen Designern wie Moschino, Vivienne Westwood oder Manolo Blahnik, die sich alle von der legendären französischen Königin inspirieren ließen: Mit 250 Exponaten präsentiert Marie Antoinette Style im Londoner Victoria und Albert Museum einen Blockbuster in aufwändiger Inszenierung, als wolle man der Pracht am Hof in Versailles auf Augenhöhe begegnen. Luxus und Exklusivität sind dabei tonangebend, wie selbst noch für Roland Barthes – „auf der Höhe des Strukturalismus“ – die Mode ein Privileg der Aristokratie war.(1) Dank Marie Antoinette strahlt sie nun in alter französischer Vormachtstellung auf sie selbst und nachfolgende Generationen.
Vielen galt sie allerdings als „Autrichienne“ und als nicht zugehörig, war sie doch ein „Unterpfand“ für ein Renversement des alliances, ein neues Bündnis zwischen Österreich und Frankreich, das viele Franzosen wenig guthießen. Diesbezüglich hatte sie am Hofe prominente Gegner, die auch ihren Ehemann, den Thronfolger Louis Auguste (den späteren Ludwig XVI.) negativ beeinflussten. 1770 war die junge Erzherzogin Maria Antonia, die nun Marie Antoinette hieß, nach Versailles gekommen und sah sich einem strengen Hofzeremoniell ausgesetzt. Nicht nur zu Beginn, sondern selbst im Laufe der Jahre wurde ihr die Loyalität zum Hause Habsburg immer wieder zum Vorwurf gemacht.(2) So erscheint sie etwa auf einer Karikatur, die sie in einfacher, in Petit Trianon üblicher Kleidung zeigt, als „Marie Antoinette de Autriche“, was sich wohl auf die Einkäufe von Musselin im habsburgischen Belgien bezieht, bei der die Seidenproduzenten aus Lyon das Nachsehen hatten.(3) Karikaturen, die ihre vermeintlichen sexuellen Ausschweifungen und ihre Verschwendungssucht geißeln, werden oft über die Mode und ihre Herkunft gespielt. In einem Pamphlet von 1789, La Poule d’Autrulyche, befeuert das Wortspiel „autruche“ (Vogel Strauss) und „autryche“ (Österreich) eine Szene mit einer grotesken weiblichen Version („Henne“) eines Vogel Strauss. Der Hang der Königin zu prunkvollen Federn und zu absurden Haarkreationen mit „poufs“ wird dabei ebenso paraphrasiert wie ihre Haltung zur neuen „constitution“ der Revolution, die das Tier im Maul hält.(4) Einzelne Karikaturen, die auf die größeren europäischen Zusammenhänge anspielen, sind wichtige Referenzpunkte in einer Erzählung um Marie Antoinette, jedoch bleibt Marie Antoinette Style bei der Mode, die immer schon französisch dominiert war.
Installationsansicht Marie Antoinette Style mit dem „grand habit“ von Hedwig Elisabeth Charlotte von Schleswig-Holstein-Gottorf, 1774, Victoria and Albert Museum, London
© Victoria and Albert Museum, London
Die Exponate, die im ersten, historischen Teil der Ausstellung direkt entweder von Marie Antoinette stammen oder auf sie Bezug nehmen, sind strikt nach Gruppen geordnet: Es beginnt mit den Kleidern um 1770, auf die der Schmuck folgt, darunter auch eine Kopie jenes Colliers, das die Halsbandaffäre ausgelöst hat, mit der der Ruf Marie Antoinettes, obwohl sie unschuldig war, neuerlich in Mitleidenschaft gezogen wurde. Eine Vitrine zeigt Fächer, eine andere Alltagsgegenstände oder Porzellan. Petit Trianon, Lustschloss und Rückzugsort der Königin mit all seinen Moden und Finessen ist ebenso Thema wie das dramatische Ende: Rot ausgelegte Vitrinen mit einem Teil der Guillotine und einem weißen Hemd, das sich aus der Haft der Königin im Temple erhalten hat, scheinen das Fazit einer Entwicklung vom royalen „grand habit“ der 1770-Jahre zum einfachen Hemd von 1793 als wäre dies die einzig zwingende Sichtweise. Sowieso sprechen die Objekte mehr durch ihre museale und ästhetische Präsentation als durch kulturhistorische Narrative, wenn aufwändige Vitrinen zusätzlich Distanz schaffen und damit Wert und Bedeutung der einzelnen Exponate betonen. Die Ausstellung versetzt uns in zeitlose Schönheit und suggeriert, dass Marie Antoinette in Vergangenheit und Zukunft ein exklusiver Markenname geworden ist.
Installationsansicht Marie Antoinette Style mit einer Kopie des Schmucks, der die Halsbandaffäre auslöste, Victoria and Albert Museum, London
© Victoria and Albert Museum, London
Einer der stärksten Momente der Ausstellung ist jener Raum zu Beginn der Schau, der Stil und Typik von Kleidung und Stoffen der 1770er-Jahre anhand einzelner Beispiele zeigt und über das Visuelle hinaus in kostümgeschichtliche Zusammenhänge einführt. Obwohl wenig von Kleidung oder Stoffen von Marie Antoinette erhalten ist, kann die Ausstellung mit vergleichbaren Objekten und anhand der Porträts der Königin einen reichhaltigen Einblick geben. Dominant ist ein „grand habit“, das von Hedwig Elisabeth Charlotte von Schleswig-Holstein-Gottorf stammt, die 1774 den späteren König Karl XIII. von Schweden und Norwegen heiratete, und wohl jenem von Marie Antoinette ähnlich ist, das sie 1770 bei ihrer Vermählung mit dem Dauphin getragen hat. Der Kontrast zu dem späteren Porträt von 1783 von Elisabeth Vigée-Lebrun könnte nicht größer sein, wo sie ein weißes einfaches Musselinkleid und einen Strohhut trägt. Elisabeth Vigée-Lebrun war die bevorzugte Malerin der Königin, von der sich Marie Antoinette verstanden fühlte und die sie umgekehrt förderte. Das Bild war im Salon du Louvre öffentlich ausgestellt und wurde ob seiner, einer Königin unwürdigen Kleidung heftig kritisiert. Vigée-Lebrun musste in aller Eile ein zweites herstellen, das royalen Vorstellungen in punkto Kleidung entsprach. Beide Bilder sind nun in der Ausstellung zu sehen, allerdings an verschiedenen Stellen und vermutlich werden nur wenige Besucher:innen um deren Zusammenhang Bescheid wissen.(5)
Elisabeth Vigée-Lebrun, Marie Antoinette à la rose, 1783
© Château de Versailles, Dist. Grand Palais RMN / Christophe Fouin
Neben den Biographien von Stefan Zweig und Antonia Fraser haben sich in jüngster Zeit auch Publikationen mit den vestimären Praktiken von Marie Antoinette auseinandergesetzt, allen voran die bahnbrechende Abhandlung Queen of Fashion von Caroline Weber. In ihrem Statement zur Ausstellung verweist Kuratorin Sarah Grant jedoch nicht auf diese oder andere Texte, sondern hebt die Bedeutung des Films von Sofia Coppola von 2006 hervor, der offensichtlich als eine Art Vorbild für die Ausstellung verstanden werden kann.(6) Auch im Katalog sind immer wieder Stills aus dem Film großformatig eingeblendet, wohingegen wichtige historische Dokumente, wie etwa eine kolorierte Radierung der Hochzeitszeremonie, kaum größer als eine Briefmarke abgebildet sind.
Was gibt diesem Film den Vorrang gegenüber Wissen und Analyse, wenn sich eine Modeausstellung gegenüber filmischen Bildern doch ganz eindeutig im Nachteil befindet? Nicht nur kann der Film eine fortlaufende Erzählung bieten, sondern hat im Wechselspiel von Körper UND Kleid, von Habitus und Bewegung ganz andere Möglichkeiten, während sich Besucher:innen einer Modeausstellung einen Körper, eine Geste oder ein Gesicht erst quasi ersatzweise vorstellen müssen. Ist es der hippe Lifestyle des Films,(7) der die geschichtsvergessene Erzählung um Marie Antoinette als eine überdrehter Partygirls inmitten der Törtchen von Ladurée und den Schuhen von Manolo Blahnik inszeniert und quasi in die Jetztzeit projiziert, zu dem Marie Antoinette Style eine Parallele ziehen will? Als würde im letzten Raum mit all der prächtigen Haute-Couture, die namhafte Designer:innen im Geiste von Marie Antoinette geschaffen haben, Paris Hilton um die Ecke kommen, um sich eines der Kleider überzustreifen.
Caroline Weber hat in ihrem Buch deutlich gemacht, dass Marie Antoinette die Mode einsetzt, um Macht zu gewinnen und ihre Stellung zu festigen. Von ihren zahlreichen vestimären Strategien ist in der Ausstellung vor allem eine vernachlässigt, nämlich jene des cross dressing, die immer wieder eine Rolle spielt. Noch als Dauphine konnte Marie Antoinette männliche Reitkleidung (und Herrensitz) für sich durchsetzen, während gleichzeitig ihr Kampf gegen das französische Korsett tobte. In einem Porträt, das sogar Maria Theresia, ihre strenge Mutter in Wien, rührte, sieht man sie in entsprechender Kleidung am Pferd als wäre sie Ludwig XIV.(8) Später nahm sie etwa mit den weißen Musselinkleidern Vieles vorweg, wenngleich diese ihrem Ruf sehr geschadet haben. Mit ihren Modevorstellungen konnte Marie Antoinette Einfluss nehmen, allerdings konnten sie sich auch rasch gegen sie wenden: Stets waren alle Augen auf sie gerichtet, wie ihr Maria Theresia bei der Abreise aus Wien mahnend prophezeite: „Tous les yeux seront fixés sur vous, ne donnez donc point de scandale.“(9)
1) Wie Barbara Vinken hervorhob: Barbara Vinken, „High and Low – Das Ende der hundertjährigen Mode“ in: Rainer Wenrich (Hg.). Die Medialität der Mode, Bielefeld 2015, S. 31.
2) Vgl. Caroline Weber, Queen of Fashion. What Marie Antoinette Wore to the Revolution, New York 2006 sowie Judith Raschbauer, Kaunitz und Marie Antoinette – Das „Renversement des alliances“ und seine Folgen, Diplomarbeit Wien 2010:
https://phaidra.univie.ac.at/api/object/o:1265859/edm
3) Vgl. das Kapitel „The Simple Life“ bei Weber, S. 131 ff. mit Plate 20.
4) Ebenda, S. 209 ff. mit Abbildung.
5) Weber, S. 160 ff. mit Abbildungen.
6) Siehe etwa: https://www.youtube.com/watch?v=Frz-uHaoI2U
7) Vgl. etwa die Kritik von Katja Nicodemus, „Königin der Törtchen“, in: DIE ZEIT, 2.11.2006, Nr.45:
https://www.zeit.de/2006/45/MarieAntoinette
8) Vgl. Weber, S. 54 ff. sowie Ingrid Mida, „Marie Antoinette's Revolution in Equestrienne Attire“ in:
http://fashionismymuse.blogspot.com/2008/10/marie-antoinettes-revolution-in.html
9) Zit. nach Alfred von Arneth, Maria Theresia und Marie Antoinette. Ihr Briefwechsel während der Jahre 1770 - 1780, Paris/Wien 1865, S. 2, Digitalisat unter: